Heimatmuseum Oberstdorf

Geschichte, Brauchtum, Handwerk, Kunst, Sport und Leben im Bergdorf Oberstdorf

  

 
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Rundgang durch das Oberstdorfer Heimatmuseum

02. Das Gaden (Raum 2)

Das Oberstdorfer Heimatmuseum stammt in seinem Kern aus dem Jahr 1620. Ursprünglich besaß der Blockbau im Erdgeschoss nur einen Gang, eine Stube und ein Schlafzimmer. Dieses betritt man von der Stube aus. Im Dialekt bezeichnet man es als "Gaden". Dieser altdeutsche Begriff ist vor allem im alemannischen und rätoromanischen Sprachraum noch lebendig, hat aber je nach Gegend eine eigene Bedeutung. Im Mittelalter wurde damit der „umschlossenen Raum im Allgemeinen“ bezeichnet. Im Laufe der Zeit wurde er dann auf einzelne Gebäudeteile oder Geschosse angewendet. Im Hochdeutschen verliert sich der Begriff in der Neuzeit. Meist begegnen wir ihm noch in Ortsnamen, wie z.B. Steingaden, Berchtesgaden und Engadin. Warum er bei uns schließlich ausgerechnet für das Schlafzimmer der Eheleute Verwendung fand, kann nicht geklärt werden.
Die Friestäfelung von Decke und Wänden befindet sich noch in der ursprünglichen Zustand aus dem Jahre 1620. Durch ein Guckloch zum Stall konnte der Bauer nach dem Rechten sehen. Eine Wand des Stubenofens wärmt auch dieses Zimmer auf. Das war notwendig, denn hier schliefen neben den Eltern die empfindlichen Säuglinge und Kleinstkinder, bevor sie alt genug waren, um ein Stockwerk höher in die „Bübe- und Fehlakammer“ (Buben- und Mädchenkammer) zu ziehen. In den Nischen dieser Wand konnten Gefäße mit Milch, Tee oder dergleichen warm gehalten werden. Zusätzlich führt ein kleiner Durchlass hinaus in den Gang. Dort befand sich in der ersten Bauphase die Flurküche mit einem offenen Feuer. Ein kleiner Teil dessen Wärme konnte über diesen Durchlass hereingeführt werden. Neben der Türe befindet sich ein kleines Holztürchen. Es gehört zu einem in die Wand eingelassen Schränkchen, dessen Inhalt bestehend aus Wachsmodeln und alten Büchern wir von der Stubenseite her hinter Glas betrachten können.
Wenden wir uns nun dem wichtigsten Einrichtungsgegenstand in diesem Zimmer zu. Das Ehebett aus dem Jahre 1686 besitzt mit einer Breite von 1,30 m und einer Länge von 1,80 m überraschend kleine Ausmaße. Einerseits waren die Menschen früher sicher kleiner als heute aber andererseits war es ehemals üblich mehr sitzend im Bett zu schlafen. Am Kopfteil kann man erkennen, dass die Verzierungen ziemlich weit oben beginnen, denn der untere Teil konnte schmucklos bleiben, da er eh von den hohen Kopfkissen verdeckt wurde. Der Inhalt der Matratze besteht aus Buchenlaub und wird deshalb im Dialekt „Löüsack“ (Laubsack) bezeichnet. Der kleine Baldachin besitzt eher funktionalen Charakter, als dass er der Zierde dient. Durch die Fugen der Deckenbretter würden sonst Staub und anderer Schmutz direkt auf die Köpfe der Schlafenden herabrieseln. In unserer Mundart nennte man ihn deshalb spaßeshalber „Müsbolledeckel“.
In der Ecke steht ein Holzschäffchen zum Waschen der Kleinen bereit. Dass die Kinder damals wohl etwas schmutziger waren als heute, kann man an der Dialektbezeichnung dieses Gegenstandes erkennen. In der „Abmohrschaffel“ wurden aus schwarzen Kindern wieder saubere gemacht. Auf der anderen Bettseite baumelt eine „Lichthänge“ von der Decke herab. Sie ist höhenverstellbar und auf ihr fanden Kerze, Talglicht oder Öllämpchen für die Nacht Platz. Neben dem Bett steht eine winzige Wiege für die Säuglinge. Die schön verzierte Truhe aus dem Jahr 1689 diente zur Aufbewahrung von Wäsche und Kleidern. Stoffe und Tuche mussten dicht verschlossen gelagert werden, denn zu leicht würden sie sonst zu einem Festessen für die allgegenwärtigen Mäuse. Eine echte Rarität stellte der Kleiderschrank aus dem Jahre 1685 dar, in dem sich jetzt bescheidene Kleidungsstücke der Bäuerinnen aus dem 18. und 19.Jahrhundert befinden. Im 17. Jahrhundert waren Truhen für unser armes Bergdorf noch üblich. Schränke konnten sich nur die reichen Bauern aus dem Unterland leisten. Dazu waren die sperrigen Kleiderkästen unpraktisch, denn im Brandfalle - und der trat früher recht häufig ein - konnten Truhen schneller aus dem Haus geborgen werden. Auf dem Schrank steht ein Kappenständer, auf dem die Otterfellmütze gesetzt wurde, die früher hier von Frauen an Sonntagen beim Kirchgang getragen wurde. Im Kinderbettchen daneben durften die Kleinkinder schlafen, bevor sie alt genug waren, um nach oben verfrachtet zu werden. Darüber sehen wir ein Hausaltärchen in einem Glaskasten mit Glas-, Wachs- und Porzellangegenständen. Dort befand sich ehemals das sogenannte „Versehgeschirr“. Es diente dem Pfarrer zur Krankensalbung und zur letzten Ölung. Leider musste er in den Vergangenheit recht häufig die Bauernhöfe zu diesem traurigen Ereignis besuchen, denn die Sterblichkeit der Kinder und auch der Frauen, insbesondere im Kindsbett, war immens hoch. Im Schnitt betrug die Lebenserwartung nur 35 bis 40 Jahre. Ein Drittel der Kinder wurden durch Krankheiten dahingerafft, bevor sie in die Schule kamen. Sie hatten aufgrund von Unterernährung auch gegen die einfachsten Kinderkrankheiten kaum Abwehrkräfte. Doch erfreuen wir uns an den kleinen Dingen und betrachten neben der Türe den wunderschönen Bauernschrank mit Glasvitrinenaufbau, der einige Kostbarkeiten der Hausfrau enthält.
Ich hoffe, wir konnten Sie mit diesem kleinen Artikel ein wenig neugierig machen. Nutzen Sie zwei freie Stunden in ihrem Urlaub und besuchen unser Museum. Sie erfahren u.a. viel über das ärmliche, aber auch außergewöhnliche Leben der Oberstdorfer Bergbauern in den letzten Jahrhunderten. 

 

s'Nuischte

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