Heimatmuseum Oberstdorf

Geschichte, Brauchtum, Handwerk, Kunst, Sport und Leben im Bergdorf Oberstdorf

  

 
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Unser Museumsarchiv

Der Auszug aus Gerstruben

Unter dem Thema "Gemälde aus dem Heimatmuseum erzählen" verfasste ich diesen Artikel für den „Oberstdorfer“:

Im Gang im Erdgeschoss hängt ein wenig versteckt dieses Ölgemälde vom Oberstdorfer Künstler H. König. Es zeigt eine Schlüsselszene aus der Geschichte Gerstrubens. Im Jahre 1893 nämlich verkauften die Bewohner ihren gesamten Besitz und zogen mit Sack und Pack hinab ins Tal. Nehmen wir diese Gelegenheit wahr, um ein wenig in die Geschichte dieses Ortes einzusteigen.
Der Sage nach soll Gerstruben sogar älter als Oberstdorf sein. Im Kern ist diese Sage wahr, da die Hochtäler rund um Oberstdorf schon sehr früh im Sommer alpwirtschaftlich genutzt wurden. Die Ausgrabungen an der Schneiderkürenalpe im Kleinen Walsertal beweisen, dass auch in den Allgäuer Alpen schon seit der Mittleren Steinzeit reger Betrieb herrschte. Doch urkundlich ist eine Dauersiedlung in Gerstruben erst für das 14. Jahrhundert nachweisbar. Durch eine Hangkuppe von Norden und Osten her geschützt, eignete sich diese Stelle besonders gut für eine Ansiedlung.
Insbesondere im Mittelalter, als bei uns das Klima teils weitaus wärmer war als heute, wurde hier Gerste angebaut. Das bestimmte wohl den vorderen Teil des Ortsnamens. Der hintere Teil ist etwas schwieriger zu rekonstruieren: Nach Thaddäus Steiner ist "ruben" wahrscheinlich ein romanisches Wort, das so viel wie "überwachsener Murkegel" bedeutet. Der Name taucht übrigens von Rubi bis in die Spielmannsau - Steinrube - fast nur im Trettachtal und seinen Seitentälern auf.
Im Jahre 1361 erschien der Ortsname zum ersten Male in einer Teilungsurkunde zwischen den beiden Brüdern Oswald und Marquart Heimenhofen, welche die Rechte über die ehemalig rettenbergischen Familien erworben hatten. In Gerstruben war es eine Frau mit ihren Kindern, die damals an Oswald ging. Interessant war die rechtliche Stellung der damaligen Bevölkerung, die sich teils unter den Schirm des Tiroler Gerichts Ehrenberg stellte. Dies ist ausführlich im Buch "Gerstruben" (S. 16 - 36) beschrieben.
Mitte des 15. Jahrhunderts wanderten aus dem Thannberg und dem Kleinen Walsertal weitere Familien zu. Sie waren mit den oft unwirtlichen Lebensbedingungen in solch einem Hochtal vertraut. Bis Ende des 16. Jahrhunderts waren wahrscheinlich alle Gerstruber Untertanen des Bischofs zu Augsburg (Pflege Rettenberg).
Es stellt sich nun natürlich die Frage, wovon die Gerstruber Familien überhaupt lebten. Die Gerste im "Ortsnamen" gibt sicher den ersten Hinweis. Da es in den letzten 5 Jahrhunderten auch wärmere Phasen gegeben hatte, ist das zumindest für die Zeiten, in die auch die erste Besiedlung gefallen sein musste, sicher anzunehmen. Die Flurnamen "Vordere - und Hintere Äcker" beweisen auf jeden Fall, dass Ackerbau betrieben wurde. Wahrscheinlich wurde auch Flachs angebaut und verarbeitet. Im Keller des Hauses Nr. 2 finden wir noch die Reste eines Webstuhles. Die meiste Zeit dürfte jedoch die Viehzucht den Haupterwerb gebildet haben. Nicht umsonst versuchten die Schweden 1634 Vieh von Gerstruben wegzutreiben. Dies gelang ihnen jedoch nicht, weil die Gegend einerseits beinahe weglos war und sich andererseits die Bewohner vehement wehrten. Trotzdem überstand Gerstruben den dreißigjährigen Krieg und die damit verbundene Pestzeit recht unbeschadet, denn 1637 wurden gar 78 Stück Vieh für den Ort angegeben. Für die Viehzucht war deshalb auch die "Bergheubat" äußerst wichtig, denn die ortsnahen Wiesen wurden als Äcker und die gut zugänglichen auf den nahen Alpen für das Vieh benötigt. Einige schwerer zugängliche Fluren, z.B. an der nahen Höfats, waren für die Ziegen des Dorfes reserviert.
Im Jahre 1806 kam Gerstruben nach Bayern. Als kurz darauf die Milchwirtschaft im Allgäu Einzug hielt, profitierte auch der Ort davon und es wurde eine gut organisierte Alpsennerei eingerichtet. Durch das Gemeindeedikt kam die Ortschaft 1818 zur neugebildeten politischen Gemeinde Oberstdorf. Da der Unterhalt der Wohnhäuser, Ställe, Schinden und Alphütten, allesamt aus Holz gebaut, sehr umständlich war, denn alles Bauholz musste mühevoll über den damals sehr steilen Gerstruber Stieg gebracht werden, bauten die Bewohner 1846/47 gemeinschaftlich eine Sägmühle am Dietersbach. 1866 wurde eine neue Straße für das Tal beantragt, jedoch erst 1882 konnte mit dem Bau begonnen werden.
In der Zwischenzeit schien auch der Tourismus das abgelegene Tal wenigstens ein wenig berührt zu haben. Der Bergpionier Hermann von Barth übernachtete vor seiner Besteigung der Höfats im Juni 1869 in Gerstruben. In seinem Buch "Aus den nördlichen Kalkalpen" (1874) schrieb er: "Die Besteigung der Höfats wird von Gerstruben aus unternommen, woselbst man auch jederzeit tüchtige Führer erhält; das Mitnehmen eines solchen halte ich bei dieser Partie für unbedingt geboten." Womit deutlich wird, dass sich neben dem Übernachtungs- und damit verbunden auch Bewirtungsbetrieb jetzt auch mit dem Bergführerwesen ein Zubrot verdienen ließ.
Trotzdem reichten weder die Milchwirtschaft noch der beginnende Tourismus aus, um das geregelte Einkommen der Dorfbewohner zu sichern. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erwarben die meisten Gerstruber auch Häuser im Tal. Als man schrittweise den Schulunterricht, der zu Beginn noch im Ort selbst und später im Schulhaus im Gottenried abgehalten wurde, 1867 ganz in den Hauptort verlagerte, wurde der Schulweg insbesondere im Winter für die Kinder unzumutbar. Die Schüler wurden deshalb teilweise im Tal bei Verwandten gegen Kost und Logis untergebracht. Sicher waren es des Weiteren hauptsächlich die Unbilden der strengen Winter - ständige Lawinengefahr, die Abgeschnittenheit von medizinischer Versorgung u. ä. -, die nicht nur im Dietersbacher Tal zu einer Landflucht gegen Ende des 19. Jahrhunderts führten. Zwei Häuser wurden schon am Ende des Jahrhunderts in Gerstruben abgebrochen und unten im Tal wieder aufgebaut.
So nahmen die meisten Bewohner im Jahre 1892/93 das Angebot einer Kemptner Elektrizitätsgesellschaft dankbar an, alle damals bestehenden 9 Anwesen zu kaufen. Am Dietersbach oberhalb des Hölltobels sollte einen Speichersee errichtet werden. Das geplante Kraftwerk wurde jedoch glücklicher Weise nie gebaut.
Im Jahre 1896 ging das gesamte Tal in den Besitz des Freiherrn Cornelius von Heyl zu Herrnsheim über, der das Gebiet zu seiner Jagd machte. Durch Tausch mit dem Prinzregenten Luitpold und durch Zukauf besaß er 1920 ein Eigenjagdrevier von ca. 2600 ha. Das Haus Nummer 2 wurde zu seiner Sommerresidenz, weshalb es auch heute noch "Baronehüs" genannt wird. Nach seinem Tod 1923 gingen seine Söhne Cornelius und Max weiter in Gerstruben auf die Jagd. Auch sie waren enthusiastische Jäger und hatten mit Oberjäger Max Speiser einen noch begeisterteren Weidmann an ihrer Seite. Max Speiser wohnte damals mit seiner Familie im Sommer im Haus Nr. 7.
Nach dem Tod ihres Mannes Max verkaufte Freifrau Annelie 1953 das gesamte Tal an den Verein der Oberstdorfer Rechtler. Sie setzten die teilweise abbruchreifen Häuser, die heute unter Denkmalschutz stehen, wieder instand und erhielten somit dieses ganz besonderes Kleinod im Allgäu.
Das Foto mit der Ortschaft, der Kapelle und der schaurigen Höfats im Hintergrund ist sicher eines der beliebtesten Fotomotive des Allgäus. Eigentlich ist es das wahre "Bergbauernhofmuseum", nichts musste dazugekauft werden - alles war und ist schon da. Deswegen war es folgerichtig, dass die Rechtler im Jakobehüs ein kleines, aber feines Museum über das frühere Leben in diesem abgelegenen Tal einrichteten.
Hin und wieder werden Führungen durch den historischen Ort und sein Museum angeboten - die Termine erfahren Sie bei der Kurverwaltung. Genauere Informationen und viele Bilder finden Sie im Internet unter "www.gerstruben.de".

s'Nuischte

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