Heimatmuseum Oberstdorf

Geschichte, Brauchtum, Handwerk, Kunst, Sport und Leben im Bergdorf Oberstdorf

  

 
87561 Oberstdorf, Oststr. 13 * Telefon: (08322) 5470 / 2226 / 2218 * Kontaktformular
 
Unsere englischen Seiten  Unsere französischen Seiten  Unsere italienischen Seiten  Unsere spanischen Seiten  
 
 
 

Unser Museumsarchiv

Zichoriekaffee, ...

Muckefuck, Landkaffee, Ersatzkaffee u.a.
Diese Zichorienröste auf dem Herd in der Küche war es auch Wert genauer betrachtet zu werden (Oberstdorf Magazin 2011)

Schon seit über 10 Jahren führe ich Gäste durch das Museum. Wohlvorbereitet durch Eugen Thomma und Anton Köcheler erzähle ich den Besuchern von den Ausstellungsgegenständen, von denen mir eine ganze Reihe selber nicht mehr recht geläufig sind. So steht in der Feuerstelle der Küche der hier abgebildete Apparat, zu dem ich brav erkläre, dass damit die Gerste zu Malz gebrannt wurde. Aus dem Malz stellte man dann den sogenannten Zichoriekaffee her. Bisher nickten besonders die Älteren schmunzelnd mit dem Kopf und hin und wieder entstand eine kurze Diskussion über den früher gebräuchlichen Kaffeeersatz. Als aber dieses Jahr eine Museumskollegin meine Ausführung mitbekam, belehrte sie mich am Ende meiner Führung: „Für den Zichoriekaffee wird nicht Gerste sondern Eicheln verwendet.“
Das weckte natürlich mein Interesse und ich durchforschte meine heimatkundliche Literatur. Doch in meinen Büchern wurde ich leider nicht fündig und ich weiterte meine Suche auf das Internet aus und stellte bald fest, dass hier zwar die Begriffe wild durcheinander purzeln, aber mit der Hilfe mehrere Seiten wurde ich fündig.
Mit „Zichorie“ ist eigentlich die „Gemeine Wegwarte“ gemeint. Diese unscheinbare Blume wächst gerne an Wegrändern. In der kultivierten Form kennen wir sie als Chicorée oder Radicchio. Außerdem gibt es noch eine weitere kultivierte Form, bei der die Wurzel im Zentrum der Zucht steht: die Zichorienwurzel. Sie soll schon im alten Ägypten genutzt worden sein. Die zerkleinerten Wurzeln werden 3 Monate getrocknet, danach geröstet und gemahlen. Schlussendlich werden Sie u.a. mit Speiseöl und Zucker vermischt, wobei eine dunkle zähe und bröcklige Masse entsteht, die man mit heißem Wasser aufgießen kann. Es entsteht ein Sud mit bitter-süßem Geschmack – der Zichoriekaffee.
Getränke dieser Art werden jedoch nicht nur aus der Zichorienwurzel sondern aus verschiedenen Getreidesorten wie Gerste und Roggen oder aus Samen wie Eicheln und Bucheckern auf ähnliche Weise hergestellt. So erlebt gerade heute der aus Gerste gewonnene Malzkaffee eine Renaissance in den Naturkostläden, weil er wenig Gerb- und Bitterstoffe enthält und im Vergleich zu Getreidekaffee milder und süßer schmecken soll. Die Marke Caro-Kaffee hält sich bis heute auf dem Markt. Bei uns im Allgäu wurde für den Hausgebrauch auch gerne die Löwenzahnwurzel verwendet.
Genauso artenreich, wie die Ausgangsmaterialien waren dann auch die Namen, die diesen Getränken gegeben wurden: Zichorienkaffee, Landkaffee, Preußenkaffee, Ersatzkaffee, Malzkaffee, Kaffeeersatz, Kaffeesurrogat und Gerstenkaffee. In Berlin soll der Name „Lorke“ gebräuchlich gewesen sein. Noch heute wird damit allgemein ein ungenießbares Getränk bezeichnet. Sehr häufig wurde jedoch der Begriff „Muckefuck“ verwendet. Diese die Bezeichnung soll dem französischen „Mocca faux“ (= für falscher Kaffee) entnommen worden sein. Es wäre jedoch auch eine Zusammensetzung aus Mucke (brauner Holzmulm) und fuck (faul) denkbar.
Gegen den echten Kaffee konnten sie sich die Ersatzkaffees jedoch alle nicht durchsetzen und es benötigte immer einen politischen bzw. wirtschaftlichen Grund, wenn diese Getränke in Mode kamen. So verhinderte die napoleonischen Kontinentalsperre von 1806 bis 1812 den Einfuhr des Kaffees aus Übersee. Sofort schossen mehrere Fabriken aus dem Boden, die Zichoriekaffee herstellten oder den teuren Bohnenkaffee mit Kaffeeersatz streckten. Weiter „Boomzeiten“ waren dann u.a. die Weltwirtschaftskriese in den 20ern, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit insbesondere in der DDR.
Bei meiner nächsten Führung werde ich den Besuchern jetzt wohl unsere „Kaffemaschine“ ausführlicher erläutern können.
 

s'Nuischte

Newsletter "Museumspost" ... 2 - 3 mal im Jahr Museums-Grüße mit Information aus dem Heimatmuseum erhalten. Melden Sie sich für unsere "Museumspost" an - wir freuen uns.
PS: Am Ende jeden Newsletters findet Ihr einen Link, mit dem Ihr euch wieder abmelden könnt!
 

- Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart begreifen -