Heimatmuseum Oberstdorf

Geschichte, Brauchtum, Handwerk, Kunst, Sport und Leben im Bergdorf Oberstdorf

  

 
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Unser Museumsarchiv

Markanter Herr mit Vollbart,...

... Trachtenhut und Bergstock
Dieser Artikel für den "Oberstdorfer" im April 2015 ist eher was für Einheimische.

Ein Bild aus dem Museum stellt Fragen

Wer im Heimatmuseum im Flur nach hinten läuft, findet nach der kleinen Treppe auf der rechten Seite die Zeichnung eines älteren, markanten Herrn mit Vollbart, Trachtenhut und Bergstock. Hergestellt wurde diese Radierung vom Künstler Hermann Kätelhön. Auch eine Widmung steht darunter: „dem verehrten Herrn Direktor Grassl zur Erinnerung zugeeignet“.

Wollen wir zuerst auf den Zeichner eingehen, denn über ihn ist es leichter, etwas zu erfahren.

Hermann Kätelhön wurde 1884 in Hofgeismar bei Kassel geboren. Seine Ausbildung erhielt er u. a. an der Kunstakademie München. Später lebte, zeichnete und töpferte er in Willingshausen, Essen und Wamel/Möllensee. Als er 1940 zu Gebirgsstudien in Garmisch-Partenkirchen weilte, erkrankte er plötzlich und starb am 24. November in München.

Sein Lebens- und Künstlermittelpunkt war das Ruhrgebiet und er war besonders für seine Werke zum Thema Bergbau und Industrie bekannt. Daneben erstellte er viele Landschaftsbilder, wobei es ihm das Hochgebirge sehr angetan hatte, und eben auch Portraits. Für uns ist er deshalb von Bedeutung, da er zu Ferien- und Kuraufenthalten ein paar Mal in Oberstdorf wohnte. In seinem Werkverzeichnis finden wir folgende Einträge, die unserem Ort zuzuordnen sind: „Landstraße bei Oberstdorf“ (1910, Radierung), „Portrait eines Allgäuers, A. Grassl, Schauspieler“ (1919, Radierung und Studie), „Oberstdorf“ (1919, Bleistiftzeichnung), „Jäger mit Pfeife und Hund“ (um 1920, Radierung), „Landschaft im Allgäu“ (1924). Da er in diesem Jahr auch in Einödsbach Hochgebirgsstudien  anfertigte, wird die Bleistiftzeichnung „Im Hochgebirge (Winter im Hochgebirge)“ auch ein Oberstdorfer Motiv zeigen. Neben dem „Graßl-Bild“ besitzt das Museum übrigens seit Neuestem auch die Radierung „Jäger mit Pfeife und Hund“.

Wenden wir uns jetzt seinem Modell zu. Über das Gemeindearchiv konnte ich erfahren, dass ein August Graßl mit Ehefrau Gabriele und Tochter Johanna in Reute im Haus Nummer 12 ½, dem ehemaligen Gasthof Panorama wohnte. Er war wohl damals der Besitzer des Hauses. August Graßl erblickte 1850 in München das Licht der Welt und trat schon mit 17 Jahren als jugendlicher Held in Sprechstücken auf. 1870-71 nahm er als Soldat am deutsch-französischen Krieg teil. Danach erlangte er als Tenor-Buffo, Komiker und Charakterdarsteller Berühmtheit. Er gastierte u.a. in Basel, in Hamburg, am Grand Théâtre Amsterdam, am Wilhelm-Theater Magdeburg und am Carola-Theater Leipzig. Im Jahr 1876 heiratet er die Mutter seiner zweijährigen Tochter, die Sopranistin Gabriele Payer, die von da an meistens auch kleine Engagements an den Häusern bekam, an denen er spielte. Mit 37 Jahren wird er als Regisseur am Stadttheater Augsburg und 5 Jahre später als Direktor am Stadttheater von Colmar engagiert. Kurz nach der Jahrhundertwende beendete er seine künstlerische Laufbahn und betrieb für ein paar Jahre zusammen mit seiner Ehefrau eine Kuranstalt in Herrsching am Ammersee. Etwa im Jahre 1906 zog die Familie Graßl nach Oberstdorf, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. 1923 starb Ehefrau Gabriele im Alter von 78 Jahren. Beim legendären Stiftungsfest des Gebirgstrachtenvereins 1926 wird Graßl noch einmal als Schauspieler aktiv und damals zu einer kleinen Oberstdorfer Berühmtheit. Der Allgäuer berichtete: „Prinzregentengruppe, gestellt vom G.T.V.O., ausgeführt von Fritz Müller (Lohnkutscher) und Josef Schratt. Wagen von Otto Blattner. Diese Gruppe stellt den Auszug unseres viel geliebten, 1912 verstorbenen Landesherrn auf der Jagd dar. Herr Direktor Graßl stellt den Regenten dar, inmitten seiner Förster und Jäger und dreier Herren seiner Begleitung." (Anmerkung: Beim Originalartikel ist auch ein Bild dieser Kutsche abgebildet. Leider besitzen wir im Museum hiervon nur eine sehr schlechte Kopie.) Aufgrund seines Aussehens und seines Rauschebartes war ihm diese letzte, sicher unbezahlte Rolle seiner erfolgreichen Schauspielkarriere auf den Leib geschrieben. Im Jahre 1929 folgte Graßl seiner Frau ins Jenseits. 

s'Nuischte

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