Heimatmuseum Oberstdorf

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Toni-und-Vroni-Postkarten machen neugierig

Toni mit Käse

Ende April erhielten wir aus dem Nachlass von Lothar Rauch, Sinzheim, eine Reihe von Postkarten für unser Museumsarchiv. Darunter befanden sich vier Postkarten mit der Signatur „Trautloft“ und zwei davon mit dem Zusatz „Oberstdorf“. Alle Karten wurden Ende der 40er-Jahre geschrieben. Das machte natürlich neugierig. Wer war dieser Trautloft?
Anmerkung: Oskar Fischer konnte Genaueres zu den erwähnten Skimeisterschaften beitragen: siehe unten!

Hannes Otto Trautloft wurde 1912 in Großobringen-Weimar geboren. Schon mit 20 Jahren trat er als ausgebildeter Flieger seinen Dienst bei der Reichsarmee an. 1936 meldete er sich freiwillig zur Legion Condor, die im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten des faschistischen Generals Franko kämpfte und u.a. die Stadt Guernica bombardierte. Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges war er zurück in Deutschland und kommandierte ein Jagdgeschwader. Im Laufe des Krieges erwarb er viele hochrangige Auszeichnungen und wurde bis zum Oberst befördert.

Wann er seine spätere Frau Marga Helene Mayser kennenlernte, konnte ich nicht herausfinden. Auf jeden Fall ist sie zusammen mit Trautloft auf einem Film aus dem Jahr 1941 zu sehen. Da sie „nichtarisch“ war, durfte das Paar nicht heiraten. Die 1913 geborene Marga Mayser entstammte der Ulmer Hutfabrikantendynastie Mayser aus Ulm. Die bekannte Firma Mayser existiert heute noch. Trautloft - Oberstdorf - GipfelglückAls die Familie 1943 nach Oberstdorf zog, gab ihr Vater Alfred Mayser als Berufsbezeichnung "Fabrikdirektor a.D." an, denn 1918 hatte er seine Firmenanteile verkauft. Der Grund des Umzuges lag wahrscheinlich an Mutter Helene Mayser. Sie war eine geborene Nathan, was sie als Jüdin auswies. In Oberstdorf lebten zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Familien mit jüdischen Wurzeln. Der damalige Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Ludwig Fink und sein Stellvertreter Hans Kögler hielten trotz nationalsozialistischer Gesinnung ihre schützende Hand über diese rassisch verfolgten Familien im Ort. Damit retteten sie u.a. auch der Familie Zuckmayer das Leben.

Am Kriegsende wendete sich das Blatt. Als hochdekorierter Oberst war es plötzlich Hannes Trautloft, der zum Verfolgten wurde. Anscheinend schaffte er es, der Kriegsgefangenschaft zu entgehen und sich nach Oberstdorf durchzuschlagen. Dort sorgte seine Angetraute für einen sicheren Unterschlupf. Sie versteckten sich einige Zeit auf Becherers Hütte im Traufberg und so entkam er der Verhaftung durch die Franzosen. Nachdem sich die Nachkriegswogen geglättet hatten, konnten sie endlich vor das Standesamt treten und lebten nun unbehelligt in Oberstdorf. Da Trautloft aber nun arbeitslos war, besann er sich auf sein künstlerisches Talent. Schon in der Vorkriegszeit war er grafisch aktiv gewesen und hatte viele Karikaturen zum Thema Fliegerei gezeichnet. Diese wurden teilweise auf Postkarten veröffentlicht. Er erfand - wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit seiner Gattin - die beiden Trachtenkinder „Toni und Vroni“. Sein Schwiegervater verlegte die Motive und ließ Postkarten in Ulm drucken. Sie fanden damals großen Anklang. Heute noch sind einige der Karten im Internet zu finden. Außerdem wurden die Figuren auch von der bekannten Firma Schildkröt vermarktet, die Toni-und-Vroni-Puppen in die Spielwarenläden brachten. Inwieweit sich das finanziell für die junge Familie trug, konnte ich jedoch nicht erfahren. Jedenfalls musste Ehefrau Marga, die sich später als Kostümbildnerin bezeichnete, die Haushaltskasse mit Schneiderarbeiten aufbessern.
Die meisten Toni-und-Vroni-Motive nahmen den Wunsch nach einer heilen Welt auf: Vroni mit Blumengrüßen, Toni als Kletterer mit Edelweiß, beide auf dem Gipfel, beim Tanzen oder Skifahren. Doch einmal ließ Trautloft auch Kritik mitschwingen, denn der Untertitel auf der Postkarte mit dem Käse essenden Hirtenjungen Toni spricht für sich. „Ich versteh net, daß die Leut so hungern!“, ist dort sarkastisch zu lesen. Als 1949 die deutschen alpinen Skimeisterschaften in Oberstdorf stattfanden - die Strecke soll an den Hängen des Rubihorns ausgesteckt worden sein - entwarf Trautloft ein originelles Halstuch, das als Eintrittskarte diente. Diese Idee wurde kurz darauf beim Bau der Skiflugschanze und bei der Skiflugwoche von Springertrio Toni Brutscher, Heini Klopfer und Sepp Weiler wieder aufgenommen.

1951 zog Familie Trautloft - in der Zwischenzeit hatten sie Nachwuchs bekommen - mit ihrer Tochter nach München. Familie Mayser folgte ihnen wenige Jahre später. 1961 legte Hannes Trautloft den Stift wieder aus der Hand und setze seine Soldatenkarriere als stellvertretender Inspekteur der Bundesluftwaffe fort. 1970 schied Generalleutnant Trautloft aus dem aktiven Dienst aus. Am 1. Januar 1995 verstarb er in Bad Wiessee. Begraben liegt er zusammen mit seiner 1998 verstorbenen Frau auf dem Sollner Waldfriedhof in München.

Vielen Dank für die Informationen:

Roland Hiltensperger (Einwohnermeldeamt), Eugen Thomma (Ortsarchiv), Angelika Patel, Franzl Becherer
Literatur und Material:
Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit, Oberstdorf 1918-1952, Angelika Patel, Oberstdorf, 2010, S. 284f
Recherchen im Internet, insbesondere Wikipedia zu den Themen „Trautloft“ und „Mayser“

Anmerkungen zu den Skimeisterschaften:

Lieber Alex,
herzlichen Dank fier’s s’Nuischte und ein großes Kompliment für den Beitrag über Trautloft.  Ein bisschen was  hatte ich früher schon mal gehört, möglicherweise auch über meine freundschaftliche Verbindung mit Franzl Becherer;  was Du aber nun recherchiert und ausgegraben hast, ist für mich höchst interessant und spannend.
Dazu noch ein Detail: An die  Deutschen Alpinen Skimeisterschaften 1949 kann ich mich noch gut erinnern. Als 10-jähriger Bub hab ich begeistert zugeschaut und war wie wir alle Fan von unserem „Gummi“ alias Willi Klein.  Gewonnen haben damals allerdings  die Oberbayern. Das Abfahrtsrennen fand auf der Höllwies-Ziegelbach-Strecke statt  (etwa die heutige  6er-Abfahrt) mit Start  im Geiß-Loch unterhalb des Söllerecks.  Gerade der obere Teil war recht rasant und anspruchsvoll und führte übers Schrattenwanger Köpfle  unmittelbar am Schönblick vorbei über den sog. Fuchsfarm-Hang (heute mit Waldbestand zugewachsen!)  hinunter in d’Hölla. Ziemlich weit drunten, es müsste ungefähr auf Höhe des vorletzten Hanges der heutigen 6er-Abfahrt  gewesen sein, gab’s noch eine Schlüsselstelle mit dem sog. „Kanonenrohr“. Eigentlich war das ein  enger steiler  Hohlweg zum Holz- und Burden-Schlitteln.
Ob der Slalom wirklich am Rubihorn (?) drüben war, bezweifle ich. Ich meine mich erinnern zu können, dass der Slalom am Kratsbichl war auf der „alten Standard“.  Riesenslalom gab’s 1949 noch nicht als alpine Wettkampfdisziplin.  Der war dann  bei der nächsten Deutschen Alpinen in Oberstdorf  1956 auf dem Programm und zwar nach den OWS von Cortina, als Ossi Reichert Olympiasiegerin eben in dieser Disziplin wurde.
Damals wurde dieses Rennen vom Roßbichl  über die NH-Hauptabfahrt mit „Nennars Hang“  bis hinunter ins Dummelsmoos  durchgeführt, ein überaus langer und  anspruchsvoller  Riesenslalom!
Wenn ich mich recht erinnere, durfte ich bei dieser DM als Vorläufer starten, jedenfalls beim Abfahrtslauf vom NH-Gipfel über Weißkopf und Schmalriegel mit Ziel unterm Latschenhang.  – Und prompt hat’s mich auf Höhe der NHB-Achterstütze geschmissen! Do hobbabe gar it globt – des kasch d’r ja voarschdelle!!
Dir alles Gute und liebe Grüße,
Oskar


 

s'Nuischte

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