|
Unsere südlichen Nachbarn: D'Leachtlar, d'Birgar und d'Walsar
Seit alters her teilen die Oberstdorfer ihre südlichen Nachbarn in drei verschiedene Gruppen auf. Sie nennen sie entweder Leachtlar, Birgar oder Walsar. Zugang nach Oberstdorf fanden diese über das Mädelerjoch, den Salzbichl bei Biberalp, den Schrofenpaß oder die Hirschgehrenalp.
D' Leachtlar
Einer der ältesten und wichtigsten Verbindungswege war das Mädelerjoch ins Lechtal. Über Jahrhunderte zogen die Menschen über diesen Paß mit Waren und Geld. Teile des Oberstdorfer Gemeindegebietes (Spielmannsau, Traufberg, Gibel usw.) gehörten lange Zeit zum sogenannten "Holzgauer Drittel". 1511 vereinbarten die Gemeindsleute zu Spielmannsau zusammen mit allen anderen, die Jahressteuer gemeinsam zu entrichten.
1665 war ein sehr heißer Sommer, sodaß die Pflanzenwelt zu vertrocknen drohte. Deshalb gingen die Lechtaler mit dem Kreuz nach Maria-Loretto (erbaut 1657/58), um von Gott Regen zu erbitten. Ehe sie wieder daheim waren, regnete es (Schöllanger Chronik). 1675 begannen die Lechtaler mit einer alljährlichen Kreuzprozession nach Loretto. Ein reger Austausch an Waren fand in dieser Zeit statt. Dadurch lernten auch junge Menschen sich kennen und lieben. Verhältnismäßig viele Ehen wurden so zwischen Lechtalern und Oberstdorfern geschlossen.
1776 heiratete der 21-jährige Josef Anton Bach von Stockach bei Elbigenalp die Oberstdorferin Magdalena Romana Miller. 49 Jahre lang war Bach Organist und Lehrer zu Oberstdorf. Das "Wilde-Mändleslied" in seiner alten Fassung wurde von ihm 1793 komponiert und in diesem Jahr zu Oberstdorf und 1811 zu Markt Oberdorf dargebracht.
1814 begann der Oberstdorfer Thimotheus Vogler mit dem Aufbau einer Blechmusik in Holzgau.
Wichtigstes Verbindungsglied mit den Leuten jenseits des Passes war jedoch das Geld. Schon um 1800 liehen, durch umfangreiche Warengeschäfte (z. B. in Amsterdam) zu Reichtum gekommene Lechtaler Familien, Geld an Oberstdorfer aus. Dies geschah ausnahmslos zu überaus menschlichen Bedingungen. Der Zinssatz lag in aller Regel nicht über 4 Prozent.
Nach den Hungerjahren und Mißernten von 1817 und 1818 waren immer mehr Oberstdorfer in Schulden und Geldnot gekommen. Um 1830 betrug die Verschuldung aller Oberstdorfer im Lechtal ca. 110.000 Gulden. Der Große Brand in Oberstdorf 1865 zwang die Betroffenen, trotz aller Spenden, eine Summe von 305.000 Gulden auszuleihen. Als Retter in der Not erwiesen sich hier die Familien Strobel, Knittl, Deggel, Huber, Weissenbach, Schuler, Falger und Maldoner. Die Älteren unter uns kennen heute noch den Begriff von der "Reichen Elisabeth" (Elisabeth Maldoner). Z in s- und Tilgungsbetrag wurde zu Martini (11. Nov.) von den Schuldnern zur Abholung hergerichtet. An dieser Stelle muß den Lechtaler Familien schon einmal gedankt werden für ihre menschliche Einstellung zu den Sorgen und Nöten ihrer Schuldner aus Oberstdorf. Ohne dieses günstige Geld wäre ein so sehne Her Aufbau nach der Brandkatastrophe nicht möglich gewesen. Oberstdorf verdankt somit diesen "Bankiers" sein schnelles Wiederaufblühen und den einherfolgenden Einzug von "Fremden", die wir heute als "Gäste" bezeichnen.
D' Birgar
Als "Birgar" bezeichnen wir die Einwohner von der Warth über die Orte Lech, Tannberg, Zürs , Hochkrumbach und dem Großen Walsertal. Bis 1816 gehörten die Orte Warth und Lech zum Dekanat Sonthofen und somit zum Bistum Augsburg.
1707 kauften die Gemeindsleute von "Krummenbach ob dem Wald" aus Holzmangel von der Alpe Haldenwang, den Wald im "Sägetober“. 1779 erbauten die Hochkrumbacher ein neues Pfarrhaus auf dem Simmel mit diesem Haldenwanger Holz. Sie mußten es auf den Schultern über die Haldenwanger Trift tragen.
1795 sprengten die Tannberger einen 6 Schuh breiten Landweg aus dem Schrofen bei Haldenwang (Schrofenpaß). Zur Sicherheit wurde dieser Weg mit einer Brustwehr versehen. Gekostet hat all dies über 2.900 Gulden. Die Brustwehr haben französische Soldaten schon ein paar Jahre später aus Obermut zerstört. Riesige Mengen an Vieh passierten in der Folgezeit - aber auch schon vorher über den Salzbichl - diesen Übergang ins "Welschland" (Italien). 1785 z. B, wurden 856 Stück Ochsen durchs Rappenalptal ins Welschland getrieben.
Eine Sage erzählt, daß der Kirchturm zu Oberstdorf, der zu Lech und der zu Mittelberg zur gleichen Zeit von Sarazenen oder "Heiden" erbaut worden sei. Arabische Jahreszahlen in der Mittelberger Kirche und die Kunst, Mauern in dieser Höhe zu errichten, lassen schon auf italienisch-spanische Baumeister schließen.
Wie die Birger und Walser, liebäugelten die Oberstdorfer offen mit der Freiheitsidee eines Andreas Hofer. 1803 wird Oberstdorf bairisch. (Ein Zeitgenosse vermerkt: "Nun sind wir also bairisch, Gnade uns Gott!"). Am 2. April 1809 haben zehn, mit Kugelstutzen bewaffnete, Tannberger am Rathaus zu Oberstdorf den kaiserlichen Adler von Österreich angeschlagen. Er blieb über 20 Tage dort hängen.
Um 1921 entstand in Warth das Gerücht, die Oberstdorfer hätten keine Lebensmittel mehr und somit nichts zu essen. Dies veranlaßte den Pfarrer von Warth, eine Sammlung mit entbehrlichen Nahrungsmitteln und Kleidern auf Weihnachten vorzubereiten. Starke Schneefälle verhinderten jedoch die Beförderung der Gaben vor dem Christfest. Im Januar 1922 aber ließ es sich der Pfarrer nicht nehmen, mit mehreren stämmigen Burschen von der Warth, die Spende auf Skiern über den Salzbichl nach Oberstdorf zu bringen. Es wurden 35 bis 40 Pfund von jedem herübergetragen.
Ein Mann "aus dem Birg" war von 1854 bis 1869 Bürgermeister zu Oberstdorf: Josef Anton Dünser. In einer unserer schwersten Zeiten mußte dieser den Großen Brand von 1865 miterleben und erdulden. Sein Vater stammte von Raggal, seine Mutter, Regina Hillebrand, wurde in Leeh geboren.
D' Walsar
Die Walser, als unsere nächsten Nachbarn, haben sich auch ohne landschaftliche Hindernisse (Pässe), eine eigenständige Sprache und Kultur erhalten. Das Zusammenleben über Jahrhunderte war friedlich und freundschaftlich. Ja, es war so normal, daß die Chronisten auf beiden Seiten sehr wenig festgehalten haben. Bis 1508 gehörten die Pfarrkinder von Riezlern bis zum Leid-tobel zu Oberstdorf und mußten den beschwerlichen Weg zum Kirchgang hinnehmen. Deshalb wurde schon 1493 nicht nur die Oberstdorfer Appachkapelle, sondern zugleich auch eine Kapeile zu "Ruozlen" vom Augsburger Weihbischof gesegnet.
Nachdem die Walser schon 1423 einen Weg über den Söller gekauft hatten, waren sie gezwungen, oder hatten das "vergnügen", diese Straße zu erhalten und zu richten. Dieser, in späteren Tagen sehr kostspielige Unterhalt, führte von 1850 bis 1938 zu den einzigen größeren Meinungsverschiedenheiten zwischen Walsern und Oberstdorfern.
Die uralte Alp Westegg, seit alters im Besitz der Kirche "St. Ulrich und Afra" zu Augsburg, reichte damals vom Schanzbach bis zum Schmittebach. Nach 1500 begann nun die Kirche, Teile ihrer Alpflächen, an siedlungswillige Bauern zu verkaufen, meist zu 12 Rinderweiden. Eine ganze Reihe von Oberstdorfern sind deshalb an der Entstehung folgender Orte beteiligt: Wald, Schwand, Unter- und Oberwestegg. Zog es nun Familien aus Oberstdorf, wie z. B. Koberle, Riezler, Mutter oder Kappeler ins Walsertal, so finden wir umgekehrt Walser Familien in und um Oberstdorf wieder: Berktold, Math, Kessler, Fritz, Weissenbach, Geiger oder Titscher. Um 1720 vermerkt ein Chronist zu den Walsern: "Sindt auch Schwaben, wöllens aber nit seind."
D' Oberschtdoarfar
Schon immer waren die Oberstdorfer als eigenwillig und freiheitsliebend bekannt. So eilte am 11. Dezember 1605 die ganze Gemeinde Oberstdorf "furioso" durch alle Dörfer und Weiler, von Schöllang und Altstätten über Sonthofen, um diese Leute zum Sturm auf die Burg Burgberg aufzuhetzen. Der Bauernkrieg 1605 - 1618 hatte begonnen. Von den 25 Rädelsführern des All-gäus waren 11 Oberstdorfer.
Im großen Freiheitskrieg 1806 - 1810, stellten sich die Oberstdorfer mehrheitlich auf die Seite Tirols. Dafür wurden die Anführer aus unserem Ort über 1 Jahr nach Bouillon bei Sedan verbannt. Ab 1806 gründeten alle Orte im Allgäu eine Bürgerwehr. Heute würde man diese Wehren als paramilitärische Schutztruppe bezeichnen. Die größte Bürgerwehr des Allgäus mit 300 Mann hatte Oberstdorf. 1848 heißt es in einer Chronik: "Die Oberstdorfer sind so eifrig, daß sie sogar in hellen Mondnächten exerzieren." Einer Ausrüstung mit Gewehren widersetzte sich der Landrichter energisch. Er glaubt, daß es "in Oberstdorf zuviel unruhige Köpfe gibt, denen Waffen zu geben, eine unverantwortliche Torheit wäre." Nach allen gescheiterten Aufständen und Freiheitskämpfen, mußten die Verlierer nach Dillingen und Augsburg, Abbitte zu leisten. Bei diesem sog. Kniefall, waren immer die Oberstdorfer als stärkste Gruppe vertreten.
Leo Huber (im Heft "Rumm und numm ibers Birg" des Mundartchores 1995)
|