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von Dr. Jörg Haller (S. 17-22)
3.1.1 Infrastruktur, Straßen und Wege Regionaler Aspekt ,±
Vom Oberstdorf und dem Oberen Illertal aus führen mehrere historisch genutzte Wege in die südlichen Bergregionen der angrenzenden österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg: In das Walsertal gelangte man über die „Walserschanz", in das vorarlberger Tannberggebiet über den Schrofenpass und den Salzbichl sowie in das Tiroler Lechtal über das Hornbachjoch und das Mädele-joch.
Flurnamen deuten darauf hin, dass der Schrofenpass und andere Übergänge bereits von Römern und Kelten als Handelsrouten benutzt wurden. Vermutlich um das Jahr 1000 wurde das bis dahin unbesiedelte Lechtal von Schwaben über das Trettachtal und das Mädelejoch in Besitz genommen. Urkunden belegen die Nutzung der Weingartner Alpen als Viehweide um 1270, wofür die Herden aus den Tälern über den Hochalppass ins Gebirge getrieben wurden. Als um 1300 die ursprünglich aus dem Wallis stammenden Walser über das Klostertal und den Flexenpass kommend ins Lechtal, ins Tannberggebiet und schließlich ins heutige Kleinwalsertal gezogen waren, begann ein regelmäßiger ökonomischer und kultureller Austausch mit der Oberstdorfer Region. Auch als das Lechtal und der Tannberg 1453 Österreich zugeschlagen wurden, riss der grenzüberschreitende Transit über die Pässe nicht ab. Aufgrund fehlender anderweitiger Wegverbindungen blieb so das Obere Illertal bis ins 19. Jahrhundert deren wichtigster wirtschaftlicher und sozialer Bezugspunkt.
Die Bedeutung des Schrofenpasses als Verkaufsroute für Allgäuer Vieh bis nach Italien verdeutlicht der aufwändige Ausbau im Jahr 1795, als von den Tannbergern für die Summe von 2900 Gulden ein neuer Weg durch die Felswand mit einer Breite von 1,5 Meter und einer 40 cm hohen Außenmauer geschlagen und gesprengt wurde. Die somit um eine Stunde verkürzte Verbindung zwischen Oberstdorf und dem Tannberg wurde durch das 1838 errichtete Amtshaus für die Zöllner in Warth nochmals aufgewertet. 1945 wurden Teile des wirtschaftlich und verkehrsmäßig inzwischen bedeutungslos gewordenen Schrofenpasses (Ausbau anderer Verkehrswege) vermutlich von SS-Einheiten gesprengt. Heute werden die alten
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Wege nur noch von Wanderern begangen (grenzüberschreitenden „Sennalpenwege") oder von Mountainbi-kern genutzt.
Mögliche Exponate /Inszenierung
Reisepässe, Entfernungsmesser, Landkarten mit Straßenverzeichnis, Breverl, Reiseamulette, Kompaß, Reisealtar, Votivtafel mit Reiseunglück, Versatzbuch (Sammlung Dr. Steiner), F.A. Schratt-Chronik, Schuldbuch aus Lugenalp, Dokumente, Text/Bild-Einheit
3.1.2 Handel Regionaler Aspekt
Die Anfänge des Warenaustausches zwischen Lechtal, Tannberg, Kleinwalsertal und dem Oberem Illertal gehen auf das Mittelalter zurück. Als Oberstdorf 1495 das Marktrecht erhielt, intensivierte sich dieser grenzüberschreitende Handel. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieben die Jahr-und Wochenmärkte in Oberstdorf für die Bevölkerung des Tannbergs und des Kleinwalsertals die einzige Möglichkeit, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Die im Gegenzug angebotenen Waren durften sie ab 1675 zollfrei verkaufen.
Neben Leinen war das Vieh lange Zeit das wichtigste Exportgut des Allgäus, vor allem die Allgäuer Pferde. Zu den Viehmärkten in Sonthofen und Oberstdorf reisten bis aus Graubünden oder Italien Käufer an, die wegen der hohen Brückenzölle über die liier meist den Rückweg über die Gebirgspässe wählten. Allein über den Schrofenpass wurden zum Höhepunkt des grenzüberschreitenden Güterverkehrs gegen Ende des 18. Jahrhunderts jährlich über 800 Ochsen getrieben. Auch der Weg über die Biberalp nach Lechleiten wurde nachweislich seit 1440 zum Viehtrieb genutzt, wobei die Händler auf der Alp für die so genannte „Nachfrazung" zu bezahlen hatten.
Durch das Allgäu verlief darüber hinaus der bedeutende transalpine Handelsweg von Venedig bis an den Rhein. Auf drei verschiedenen Routen wurden vornehmlich Salz und Wein transportiert (via salina), wobei eine derStrek-ken über den Jochpass und Hindelang nahe an Oberstdorf vorbeiführte. Aufgrund des regen Güterverkehrs siedelten sich im Laufe der Zeit Händlerfamilien aus Savoyen oder dem Aostatal im Allgäu an.
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Die vor allem durch den Fernhandel reich gewordenen Bewohner des Lechtals traten über die Jahrhunderte hinweg immer wieder als Geldverleiher auf. Als im 30jährigen Krieg die Schweden 1634 drohten, Oberstdorf einzuäschern, brachten Lechtaler die geforderte Ersatzsumme auf. Die Finanzhilfen für Oberstdorf und andere Allgäuer Orte waren unter dem Begriff „Leachtlar Zins" (Lechtaler Zins) bekannt.
Während der Handel über die Pässe im Zuge des Neubaus von Strossen und Eisenbahnlinien seit Mitte des 19. Jahrhunderts drastisch zurückging und Anfang des 20. Jahrhunderts völlig zum Erliegen kam, blühte der Schmuggel über die alten Wege auf: Vor allem Tabak, Rotwein und Schnaps wurden nach Bayern geschafft. Im Gegenzug brachten die Schmuggler Nadeln und technisches Kleingerät aus Allgäuer Produktion über die Grenze.
Bild: Walserschanze
Oberstdorfer bei der Wache an der Grenzstation während des 1. Weltkriegs, 1914
Die Gründung des deutschen Zollverein 1834 bedeutete eine Erschwernis für den grenzüberschreitenden Handel, unter der das vom restlichen Österreich aus nur über Hochpässe zu erreichende Kleinwalsertal zu leiden hatte. Als 1878 die deutsche Schutzzollpolitik in Kraft getreten war, kam der Handel mit Deutschland gänzlich zum Erliegen und das Tal verarmte. Die Walser forcierten einen Zol-lanschluss mit Deutschland, der 1891 mit einem Staatsvertrag besiegelt wurde.
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Mögliche Exponate/Inszenierung
Votivtafel mit Unfall beim Viehtrieb, Schmugglerutensilien, Schmuggelware, Urkunden und Dokumente (Zollbücher, Viehdurchtrieb, Nachfrazung, Bestellungsurkunden für Jäger], Fotos, Funde (Hufeisen), Text/Bild-Einheit.
3.1.3 Arbeitsmigranten Regionaler Aspekt
Aufgrund der wenig ertragreichen Böden, die für die anwachsende unterbäuerliche Bevölkerung nicht mehr ausreichten, waren die Bewohner des Lechtals, des Tannbergs und des Arlbergs seit dem 17. Jahrhundert gezwungen, Geld in der Fremde zu verdienen. Sie arbeiteten bei Bauern im Oberen Illertal, bevor sie sich um die eigenen Felder kümmerten. Lechtaler Männer wanderten als Saisonarbeiter zumeist ins Allgäu, wo sie sich als Maurer, Stukkateure oder Wanderhändler betätigten.
Parallel dazu entwickelte sich eine Arbeitsmigration von Kindern, den so genannten „Schwabenkindern". Die sechs- bis 17-jährigen Buben und Mädchen aus Tirol und Vorarlberg kamen von Georgi bis Martini in das Allgäu und nach Oberschwaben, um sich als Hütkinder oder Haushaltsgehilfinnen zu verdingen. Während die meisten sklavengleich auf den Märkten in Tettnang, Wangen, Kempten oder Ravensburg ersteigert wurden, hatten einige bereits im Vorjahr ihre Arbeitsplätze bei bekannten Bauern vereinbart. Höhepunkt dieses Phänomens war die 1. Hafte des 19, Jahrhunderts: Um 1830 zählte man jährlich insgesamt 1800-2000 Kinder aus Vorarlberg und 2500 aus Tirol, die mit geringem Lohn und neuer Kleidung wieder in ihre Täler zurückkehrten.
Viele der Saisonarbeiter ließen sich im Oberen Illertal nieder, was sich in zahlreichen Eheschließungen zwischen Lechtalern und Oberstdorfern wiederspiegelt. Die grenzüberschreitende Arbeitsmigration bestand bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Noch in den 1930er Jahren (und zum Teil auch nach dem 2. Weltkrieg) waren allein in Oberstdorf jede Saison rund 30 Lechtaler, Tannbergerund " Pitztaler in der Landwirtschaft beschäftigt.
Neben der Saisonarbeit bestanden über die Jahrhunderte hinweg weitere grenzüberschreitende Arbeitsverhältnisse und Migrationen. Zu nennen sind hier Handwerker
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„auf der Walz", Jagen Holzhauer und Wandermusikanten, besonders die steirischen Zitherspieler.
Mögliche Exponate/Inszenierung
Pfarrmatrikel (Heiratsurkunden, Sterbebücher), Urkunden/Dokumente, Kleidung, Musik, Interviews mit Zeitzeugen, Text/Bild-Einheit
3.2 Das religiöse Reisen
Allgemeine Entwicklung
Seit dem Hochmittelalter war die Pilgerfahrt für breitere Bevölkerungsschichten eine Möglichkeit des temporären Unterwegsseins. Zunächst waren Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostela die bedeutendsten Ziele. Nach dem 30jährigen Krieg und besonders durch die Gegenreformation motiviert gewannen die regionalen Heilsorte und wundertätigen Stätten immer größere Bedeutung als Wallfahrtsziele in der näheren Umgebung.
Regionaler Aspekt
Die grenzüberschreitende Wallfahrt zur Oberstdorfer Lore-to-Kapelle hat sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt. Ab ]655 pilgerten Gläubige auch aus dem benachbarten Lechtal zum wundertätigen Gnadenbild der Muttergottes von Loreto nach Oberstdorf. Das 1661 erbaute und noch bestehende Benefiziatenhaus (ursprünglich eine Zollstation) diente als Pilgerherberge und für 1673 ist die erste große Lechtaler Kreuzprozession nachgewiesen. Mit der Säkularisation war ein Niedergang dieser Wallfahrt verbunden, die allerdings seit 1992 auf Initiative des Holzgauer Pfarrers wieder auflebt und mit einer Gegenwallfahrt von Oberstdorfern ins Lechtal eine neue Tradition beginnt, die sich auch im Wiederaufbau einer Kapelle am Oberen Knie manifestiert.
Mögliche Exponate/Inszenierung
Wallfahrtsandenken, Votivbilder, Mirakelbeschreibungen, Interviews, Karte Wallfahrtswege, Text/Bild-Einheit
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3.3 Das wissenschaftliche Reisen
Aligemeine Entwicklung
Im Kontext der Aufklärung gewannen die „Staatswissenschaften" an der Wende zum 19. Jahrhundert an Bedeutung. Die sog. Kameralisten führten im Auftrag der Landesherren Forschungsreisen durch, um mit ihren statistischen Erhebungen und den ethnografischen Beschreibungen von „Land und Leuten" die Regierbarkeit der Territorien effizienter zu machen. Alle Disziplinen der Naturwissenschaften tragen dazu ihren Teil bei: Berge wurden bestiegen und vermessen, Flora und Fauna erforscht oder die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse untersucht.
Regionaier Aspekt
1819 veröffentlichte der Landgerichtsarzt Geiger eine „Physisch-medizinische Topographie" des Landgerichts Immenstadt. Um 1820 werden im Zuge der bayernweiten Vermessung die bedeutendsten Allgäuer Gipfel durch staatliche Geometer vermessen. Otto Sendtner untersuchte 1854 die Vegetationsverhältnisse in den Allgäuer Alpen und im selben Jahr veröffentlichte Carl Wilhelm von Gümbel seine geologischen Erkenntnisse.
Mögliche Exponote/Inszenierung
Wissenschaftliche Publikationen zur regionalen Naturgeschichte, ethnographische und statistische Landesbeschreibungen, Vermessungsgerät, Text/Bild-Einheit
3.4 Das Reisen im Krieg
Allgemeine Entwicklung
Für viele Männer war bis zum 2. Weltkrieg die Dienstzeit beim Militär oder im Krieg - wenn freilich auch unter Zwang - die einzige Gelegenheit oder Notwendigkeit für längere Zeit den Heimatort zu verlassen. Viele Erinnerungsgegenstände der Reservisten deuten an, welch ein wichtiger Einschnitt dies in der lebensgeschichtlichen Perspektive gewesen sein mag. Diese Reisen in den Krieg sind in die Reihe der hier genannten Aspekte aufzunehmen, denn - es mag zynisch klingen - sie unterliegen prinzipiell den touristischen Reisen nicht unähnlichen Mecha-
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