Projekt: "Thannberg"
Hätten sie nur den Oberstdorfern kein Geld geliehen
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Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.11.1986

Holzgau im Lechtal - Geschichte und Geschichten eines Dorfes / Von Margit Mummert

..... (1. Spalte fehlt - nicht wichtig)

So spinnt sich eine wundersame Geschichte zusammen, von den armen Holzgauern, die in die Fremde gingen, zu Geld und Reichtum kamen und diesen heim ins Dorf brachten. Mit ihren prunkvollen Häusern, die sie damit bauten, riefen sie den Neid der anderen hervor, die nun ihrerseits in die Fremde zogen, um ihr Glück zu machen.
So spricht man immer noch von der reichen Elisabeth, deren Vater sein Vermögen im Reedereigeschäft in Amsterdam erworben hatte, das sie wiederum einträglich, aber auch wohltätig verwaltet hat. Man hört von der großen Hochzeit, die im Jahr 1793 diese Entwicklung krönte, als der nach Amsterdam ausgewanderte Handelsherr Franz Schuler und seine Frau, geborene Falger, in Holzgau ihren Sohn mit einer Maria Mark und am gleichen Tag ihre Tochter mit Josef Anton Falger, seinerseits Handelsherr in Delft, verheirateten. Es wird erzählt von dem Reichtum, der in schweren Silbergulden in den Truhen der Häuser ruhte, die man bei Transaktionen mit der Schubkarre umherfahren mußte. Schließlich entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert eine Art Bankgewerbe, indem man an anderen Gemeinden der Umgebung Geld gegen Zins verliehen hat. Und dann enden alle Geschichten mit der traurigen Kurzfassung: „Bis wir den Oberstdorfern unser schönes Geld geliehen haben..." Diese konnten nämlich nach den beiden Inflationen dieses Jahrhunderts ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Und da die Lechtaler keine Vereinbarungen über Wertsicherung oder Tilgung getroffen hatten, endete nach 170 Jahren ein einträgliches Geschäft und warf die Holzgauer in die Armut zurück. Daß auch in Tirol und im Bregenzer Wald die Schuldner saßen, spielt keine Rolle. Die Oberstdorfer sind am Unglück schuld.
Die phantastischen Geschichten lassen den Schluß zu, daß es das Schicksal besonders gut mit den Holzgauern gemeint hatte. Tatsächlich hat sich in den Jahrhunderten manches immer wieder zum Guten gewendet. Aber man darf nicht vergessen, daß das Lechtal bitterarm war, doch Fleiß und Mut der Bewohner haben, zurückzuverfolgen bis zum Dreißigjährigen Krieg, immer wieder allen Schwierigkeiten getrotzt. Die Menschen blieben nicht hinter dem Ofen sitzen, sondern gingen hinaus in die Fremde. Daß das nicht immer freier Entschluß oder Abenteuerlust war, bezeugt auch die traurige Geschichte der „Schwabenkinder", die als Halbwüchsige im Sommer fortgeschickt wurden, um als Hirtenjungen oder Stalldirnen ein paar Mark Taschengeld und einen neuen „Häs", das heißt ein Kleidungsstück, zu verdienen - ein Brauch, der mit der Geschichte der armen Tirojer .Bergbauern über die Jahrhunderte einhergeht.
Die Männer von Holzgau sind als Maurer und Stukkateure in ganz Europa herumgezogen, als Fassadenmaler erreichten sie höchste künstlerische Qualität. Zu dieser Begabung, die sich als geheimnisvolles Erbe immer wieder fortsetzte, kam ein Händlertalent, das mit dem Verkauf von Garn aus Wolle und Leinen bereits vor etlichen hundert Jahren die kaufmännische Tradition eröffnete.
Die geographische Lage hat das Lechtal immer von seinem Tiroler Zentrum ferngehalten. Innsbruck war weit. Das nach Norden geöffnete weite Gletschertal war an seinem oberen Ende mit einer Felswand verriegelt. Der Zusammenhang mit dem benachbarten Oberstdorfer Tal, mit Reutte, Füssen und dem bayerischen Nachbarland war selbstverständlicher.
Man wanderte nicht nach Süden, obwohl gerade von Norden manches Übel kam.
Die Pest hat das Tal zweimal heimgesucht. An das erste Drama erinnert die kleine, gotische Sebastianskapelle aus dem 15. Jahrhundert. Die zweite Pestwelle im Dreißigjährigen Krieg umrundete Halzgau durch wundersame Fügung auf dem anderen Flußufer. Auch das eigentliche Kriegsgeschehen, das ganz Tirol in Mitleidenschaft zog, blieb außerhalb. Als die Schweden sich einmal zu weit näherten, wurden sie von den mutigen Bauersfrauen von Elmen im unteren Tal getäuscht und vertrieben.
Verkehrstechnisch wurde das Lechtal spät erschlossen. Erst seit 1861 gab es von Reutte aus über Holzgau hinaus dreimal wöchentlich bis Steeg einen Postwagen, der auch Personen beförderte. Weiter hinauf nach Warth führte nur ein mühseliger Saumpfad, der erst 1908/09 durch eine halbwegs befahrbare Bergstraße ersetzt wurde. Der Alpinismus, der erst um die Jahrhundertwende das Gebiet vereinnimmte, zog allmählich Sommerfrischler nach. Mit etwa 120 Häusern und knapp 500 Einwohnern ist Holzgau heute ein kleiner Ferienort, doch im Sommer und im Winter recht beliebt.
Wer in Holzgau über sein kleines Anwesen hinaus um Gelderwerb bemüht ist, muß entweder in die Metallfabrik nach Reutte gehen oder ist im Fremdenverkehrsgewerbe tätig. Die jungen Leute des Ortes sind außerhalb in Lohn. Sie verdingen sich an attraktiven Plätzen für die Saisoni. Sie lernen Hotelfach, Service, Küche. Sprachen sind eine Selbstverständlichkeit.
Die anmutige Wirtstochter empfängt in fehlerfreiem Französisch die braven Rentner aus dem belgischen Reisebus, die müde und von Reiseeindrücken überwältit ins Haus stolpern. Es ist wohl doch ein vordergründiger Eindruck, daß die Gäste des Ortes einfach sind - wenn man unter Einfachheit das Fehlen von modischer Verfeinerung und extravaganten Urlaubswünschen versteht. Fern bleibt hier der mondäne Jet-set-Rummel. Es ist nichts los. Hier geht es um ein Bett, um ein herzhaftes Essen, um die Natur.
Wir erkunden das Seitental, durch das der Europa-Fernwanderweg nach Nordwesten führt. Der Bach zeigt den Weg.
Es ist eigentümlich still im Tal. Die Birkensträucher beginnen in Gelb umzuschlagen; blühendes violettes Heidekraut überzieht weite Flächen und bildet zusammen mit erröteten Blaubeerblättern, Gräsern und goldenen Flechten ein bunt getupftes impressionistisches Arrangement. Silberdisteln blitzen wie Sterne, und das Moos leuchtet von Pistaziengrün bis Reseda. Kleine Geröllbahnen mit Wasserrinnsalen verlangen einen vorsichtigen Tritt. Nach einer guten Stunde beginnt der Aufstieg im steilen Treppenschritt zwischen Baumwurzeln und Felsblöcken. Nach der Baumgrenze dehnen sich grüne Matten aus, die Allgäuer Grasberge, die sich über das Mädelejoch hinaus erstrecken. Mädele bedeutet, daß es hier „mähfähige" Wiesen gibt. Sie bilden die landschaftliche Einheit zwischen dem Lechtal und dem Oberstdorfer Tal. Auf der anderen Seite, an Mondfelsen und Geröllhalden entlang, führt der Weg an der Kemptner Hütte vorbei über die Obere Mädelealpe und dann - als schmaler Pfad - steil hinab in das Gletscherschutt-Tal bei Spielmannsau.
Der Tourenführer von Holzgau vermerkt: „Bleiben Sie stets auf den markierten Wegen. Sie werden seit Generationen begangen und sind die besten Routen zu einem bestimmten Ziel." So ist es. Und so sind seit Jahrhunderten die gegenseitigen Beziehungen zwischen Oberstdorf und Holzgau über diesen Weg gepflegt worden. Die leidige Geldgeschichte wurde schon erwähnt. So wird auch einmal im Jahr zu Martini der Zinseintreiber mit seiner ledernen Gürteltasche über das Joch gestiegen sein, um sich im Oberstdorfer Wirtshaus niederzulassen, bis der letzte seinen „Lechteler Zins" entrichtet hatte. Und wenn einer aus seiner Verschuldung gar nicht mehr herauskonnte, so erging es ihm wie dem Chrisostomus Schugg, der seine saftigen Weiden droben bei der Kemptner Hütte den Holzgauern überlassen mußte. Von dieser Oberen Mädelealpe, auf der Viehwirtschaft betrieben wurde, wurden noch vor zwanzig Jahren die großen runden Käse über das Joch nach Holzgau getragen.
Auch die Bittgottesdienste der Holzgauer in den Oberstdorfer Kapellen, zum Beispiel um Regen, sind belegt, einschließlich der Gulden für den Pfarrer wie für die Musikanten. Es müssen, wir sprechen von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, fröhliche Ausflüge gewesen sein, die auch die Geburtenstatistik ein wenig aus dem Gleichgewicht brachten, weswegen sie dann eingestellt wurden.
Der rosige Saum der Sonne an den oberen Bergkuppen ist verschwunden, als wir zurück im Dorf sind. Später noch einmal ein kleiner Rundgang. Nachdenklich stehen wir auf dem Platz, vor dem so kunstvoll und reich bemalten „rosa Haus", das von allen Holzgauer Werbeplakaten herunterschaut. Das Lechtal hat bisher als Anziehungspunkt von Berühmtheiten eine Randstellung eingenommen. Man weiß, daß im 19. Jahrhundert die bayerische Königinmutter Maria mit ihrem Wanderstock das Tal zur Sommerfrische wählte. Doch ansonsten war man darauf angewiesen, seine eigenen Berühmtheiten zu entwickeln. So hat es einige Künstler von Rang gegeben, zum Teil haben sie in Generationen immer neue Talente gezeugt. Die Künstlerfamilie Zeiller aus Reutte hat hundert Jahre lang gewirkt und bis heute erhaltene Fassaden- und Kirchenmalereien hinterlassen. In der Holzgauer Pfarrkirche hängt ein nicht allzu bedeutendes Bild von Vater Paul Zeiller (wie der Pfarrer im Gegensatz zu Kunstbüchern bestätigte), denn einer der Söhne war Pfarrer in Holzgau und bekam es von seinem Vater geschenkt. Der andere Bruder, Johann Jakob, schuf 1776 die Deckengemälde der Kirche in Elbigenalp, der berühmteren Nachbargemeinde, mit der Holzgau seit eh und je um die größere Bedeutung konkurriert.
Dort wirkte auch Anton Falger, 1791 bis 1876, Lithograph, Chronist und Gründer einer Zeichenschule. Stolz weist man auf seine Korrespondenz und die Freundschaft mit Goethe hin. Auch er stammt aus einer Künstler-Dynastie, die eng verwandt war mit der Holzgauer Kaufherren-Familie.
Ein kleines Kuriosum ist die Porträtmalerin Anna Steiner-Knittel, die uns besser bekannt ist durch ihre Sturm-und-Drang-Eskapaden. Die Vorliebe für hohe Adlerhorste mit allerlei dramatischen Begleitumständen sind in Buch und Film „Die Geier-Wally" verewigt. Sage also keiner, das Lechtal sei nicht „weltberühmt".
Die Holzgauer Pfarrkirche erhebt sich auf einem besonderen kleinen Hügel, wenige Schritte von der Sebastianskapelle entfernt. Zwischen beiden Kirchen bleibt nur ein schmaler Durchlaß zu dem kleinen Friedhof frei, dessen kunstvolle schmiedeeiserne Grabkreuze die Schicksale und Abenteuer der unruhigen Holzgauer Bewohner besiegelt haben.
Im Vorraum der Pfarrkirche steht ein Bauernweiblein und schaut verschämt durch die Glasscheiben der Tür. Zu spät gekommen, wagt sie nicht, die Andacht zu stören. So drücken wir uns auch die Nasen platt. Golden beleuchtet sind die Altarbilder und Deckengemälde der Rokokozeit. Vor der spärlich vertretenen Gemeinde liest der Pfarrer, der aus irgendeinem Preußen stammt, weißhaarig, alt geworden, die Abendmesse.
Noch später am Abend in der Gaststube, während wir bei unserem grundsoliden Mahl sitzen, werden wir noch einmal daran erinnert, daß Holzgau Ausgangspunkt und Etappenziel von alpinen Wandertouren ist. Man sitzt beisammen in einer Einmütigkeit ohne große Worte. Das gemeinsame Hobby verbindet Generationen, Stände und Geschlechter. Von den ungewöhnlichen Geschichten aus Holzgaus Vergangenheit weiß hier keiner etwas. Die Themen sind die Erlebnisse eines Wandertages und die bevorstehenden Touren, die mit einem gewissen Fieber ihren abenteuerlichen Schatten vorauswerfen.
Als wir aus der Wirtschaft in die Nacht hinaustreten, das Stimmengemurmel hinter uns zurücklassend, atmen wir tief durch. Frisch ist die Luft, würzig und belebend. Am Bach entlang finden wir den Weg. Hoch über uns ein Sternenhimmel, der fast schwindlig macht und der Dichtern zum Beschreiben vorbehalten sein muß, die bis jetzt dem Tal ferngeblieben sind.
Anton Falgers Freund Goethe bedauerte seine hastige Alpenüberquerung auf seiner Italienischen Reise 1786: „Was lass' ich nicht alles rechts und links liegen, um den einen Gedanken auszuführen, der fast zu alt in meiner Seele geworden ist!" Damals führte noch kein Weg über das Lechtal nach Süden, es blieb lange links liegen.
Am Morgen brechen wir früh auf. Die, rote Katze streift durch das feuchte Gras, um ein Mäusefrühstück zu erjagen. Auf den Treppenstufen, neben dem Gasthof aufgebahrt, liegt ein frischgeschossener Gamsbock auf einem Bett aus grünen Kiefernzweigen. Heute mittag würde es Gamsbraten geben, aber dann sind wir schon weit weg.

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Materialsammlung für das Projekt "Schrofenpass" - zusammengestellt vom Heimatmuseumsverein Oberstdorf